St. Anton am Arlberg: Damals & heute
Wie St. Anton den Wintersport gleich zwei Mal erfand
Mehr als einhundert Jahre Skigeschichte: Wer heute in St. Anton aus dem Zug steigt, steht mitten in einem Mythos. Der Arlberg. Eines der bedeutendsten Skigebiete der Welt! Zwischen den schneebedeckten Gipfeln des Tiroler Hochgebirges erzählt jede Piste, jede Berghütte eine ganz eigene Geschichte. Dabei war der Ort, der heute als Wiege des alpinen Skilaufs gilt, einst ein abgeschiedenes Bauerndorf – rau, entlegen und dem Winter ausgeliefert. Dank dem Mut, dem Pioniergeist und der Beharrlichkeit der Arlberger, wuchs aber gerade hieraus eine Leidenschaft, die die Welt verändern sollte: das Skifahren.
Der Anfang: Mutige Schritte im Schnee
Bis Ende des 19. Jahrhunderts war St. Anton ein stilles Dorf, dessen Bewohner von Viehhaltung und mühsamer Landwirtschaft lebten. Erst die Eröffnung des Arlbergtunnels im Jahr 1884 brachte die große Wende. Mit der Eisenbahn kam die Verbindung zur Welt. Touristen. Geschäftsleute. Und Ingenieure. Einer von ihnen, ein Norweger, brachte in den 80er-Jahren zwei Bretter aus seiner Heimat mit an den Arlberg. In Norwegen nutze man diese Bretter traditionell für die Fortbewegung – vorzugsweise auf den weiten Ebenen der nordischen Tundra. Für den Ingenieur waren sie also Transportmittel – für die Einheimischen jedoch eine Offenbarung.
Denn schon bald wagten sich die ersten Mutigen mit selbstgebauten Holzbrettern auf die Hänge. 1901 gründeten sechs Enthusiasten sogar den Ski-Club Arlberg – heute einer der traditionsreichsten Skiclubs der Welt. Was damals als Abenteuer begann, war der Start einer Revolution.
Hannes Schneider und die Geburt des modernen Skilaufs
Ein Name ist mit dem Arlberg so fest verbunden, wie kaum ein zweiter: Hannes Schneider. 1890 in Stuben geboren, bezeichnete man ihn gerne als „Wirbelwind mit den blitzenden Augen“. Denn mit nur 13 Jahren entwickelte er eine Methode, die das Skifahren revolutionierte: Mit seiner „Arlbergtechnik“ wurde systematisches Kurvenfahren möglich, Gewichtsverlagerung und rhythmische Schwünge – das Fundament des modernen Skilaufs. Der bis dahin übliche Telemark-Stil galt von da an als überholt.
1907 wurde Schneider Hotelskilehrer des Hotels Post. Ja, sogar selbst Flachländer soll der Pionier dazu gebracht haben, elegant die weißen Hänge hinabzuwedeln. Aus wackligen Versuchen wurden dank Schneider präzise Bewegung, aus einem Spiel im Schnee ein erlernbarer Sport.1921 gründete Schneider in St. Anton die erste offizielle Skischule der Welt. Diese Skischule existiert sogar heute noch, unter dem Namen Skischule Arlberg, welche in der heutigen Zeit zu den größten Skischulen des Landes mit rund 400 Skilehrern in der Hauptsaison zählt.
Schneiders Einfluss reichte weit über den Arlberg hinaus. Durch Filme wie „Der weiße Rausch“ wurde er schließlich zum Idol. Als er 1939 emigrieren musste, trug er seine Methode in die USA – und machte sie dort populär. Trotz seiner tiefen Heimatverbundenheit und mehreren Reisen, blieb Schneider in New Hampshire, wo er ein beachtliches Skigebiet erschuf.
Von der Arlbergtechnik zur Galzigbahn
Wenig später kannte die ganze Welt die „Arlbergtechnik“. Und mit der Begeisterung für den Skisport wuchs auch die Infrastruktur. 1937 eröffnete mit der Galzigbahn eine der ersten Seilbahnen für den Winterbetrieb. Sie machte die Weite des Arlbergs zugänglicher und verwandelte das Skifahren in ein Gemeinschaftserlebnis. Statt mühsamer Aufstiege konnten Familien, Touristen und Einheimische nun gleichermaßen die Hänge genießen. Doch erst die Nachkriegsjahre brachten den endgültigen Durchbruch. Der Tourismus nahm Fahrt auf: Hotels entstanden, Lifte sprossen aus dem Boden. In den 1950er-Jahren zählte man tausende Gästebetten – und St. Anton wurde zum Synonym für gelebte Skikultur.
Helden und Legenden: Karl Schranz und der Geist des Arlbergs
Diese Skikultur verkörperte Karl Schranz wie kein Zweiter. 1938 in St. Anton geboren, trainierte er auf denselben Hängen, die bereits Hannes Schneider geprägt hatten. In den 1960er- und 70er-Jahren wurde er zu einer Ikone des alpinen Rennsports, gewann Weltcuptitel und Medaillen – und schrieb mit seinem umstrittenen Olympia-Ausschluss 1972 Geschichte. Heute trägt das Karl-Schranz-Stadion in St. Anton seinen Namen. Ein Symbol für den ungebrochenen Ehrgeiz der Region.
Die Geschichte des Skifahrens am Arlberg wurde aber keineswegs nur in St. Anton geschrieben. Auch jenseits des Passes, in Vorarlberg, trugen Menschen wie Pfarrer Johann Müller und Viktor Sohm entscheidend dazu bei, den Wintersport zu formen. Müller, der bereits 1894 als erster im westlichen Arlberg Ski besaß und heimlich im Pfarrgarten übte, zeigte, dass man dem Winter nicht nur trotzen, sondern ihn auch lebensfroh genießen konnte. Im Jahr 1906 leitete der Bregenzer Viktor Sohm in Zürs am Arlberg den weltweit ersten Gäste-Skikurs – ein Pionierprojekt, an dem neben Einheimischen auch ein Gast aus St. Gallen teilnahm.
Nicht zuletzt verstärkten mutige Investitionen und bahnbrechende Innovationen im Seilbahnbau – besonders von Unternehmen wie Doppelmayr – den Ruf des Arlbergs, als Wiege des alpinen Skilaufs.
Als St. Anton 2001 die Ski-Weltmeisterschaften austrug, blickte die Welt auf jenen Ort, an dem einst ein paar Männer auf Holzbrettern experimentierten. Die Hänge, die Schneeschule, der Geist – alles verband sich zu einer Kultur, die weit über Tirol hinausstrahlte. Von da an zählte der Arlberg zu den renommiertesten Wintersportorten der Welt. Mit dem Ruf wuchs aber auch die Verantwortung.
Hightech, Erlebnis – und Achtsamkeit
Mehr als 120 Jahre nach den ersten Schwüngen ist St. Anton Teil eines Superlativs: Ski Arlberg, das größte zusammenhängende Skigebiet Österreichs. Über 300 Kilometer markierte Pisten, 200 Kilometer Varianten im freien Gelände und 85 Bahnen und Lifte verbinden Tirol und Vorarlberg zu einem Wintersport-Universum. Doch trotz der Größe spürt man den Ursprung: den Stolz der Pioniere, die Liebe zum Schnee.
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