Slow Food für die Seele
Beim Winterwandern geht es nicht um sportliche Höchstleistungen, sondern um das bewusste Erleben der Natur. Immer mehr Menschen entdecken diese sanfte Art der Fortbewegung im Schnee für sich – auch als Alternative oder Ergänzung zum klassischen Skiurlaub in den Alpen.
Man kennt das ja: Alle wollen die Ersten im Skigebiet sein und die frisch präparierten Pisten unter die Kanten nehmen. Hektik am Parkplatz der Talstation, Anstehen an der Kasse, Gedränge beim Einsteigen in die Gondel. Während der Pandemie blieben dann die Ski-Resorts in den meisten Alpenländern für Urlauber geschlossen. Und im vergangenen Winter trauten sich viele nicht, weil ihnen große Menschenansammlungen nicht mehr geheuer waren. Sie wichen aus ins freie Gelände, legten sich Tourenskier oder Schneeschuhe zu. Doch dafür muss man gut Skifahren können. Und Erfahrung bei der Einschätzung der Lawinengefahr brauchen auch Schneeschuh-Fans, die mit „Tennis-Schlägern“ an den Füßen losziehen. Überhaupt die ganze Ausrüstung! Alles nicht so einfach. Viele haben deshalb eine ganz altmodische Beschäftigung für sich wiederentdeckt: Wandern, Winterwandern.
Herrlich ist das. Beim Frühstück bleiben wir eine Viertelstunde länger sitzen, trinken noch einen zweiten Cappuccino. Dann packen wir in aller Ruhe die Rucksäcke. Weil wir direkt an unserem Hotel loswandern können, brauchen wir auch nicht ins Auto zu steigen. Trotzdem wollen wir nicht ewig trödeln. Denn am Morgen, wenn die Luft kalt ist und der Schnee unter den Schuhen knirscht, ist es am schönsten, am intensivsten. Außerdem haben wir dann größere Chancen, Wildtiere zu sehen, die sich später am Tag verstecken werden. Füchse und Dachse entdecken wir heute zwar nicht, aber zumindest deren Abdrücke. Glauben wir zumindest. Uns wird bewusst, wie wenig wir Zivilisations-Menschen heute noch über die Natur wissen. Unsere Vorfahren in der Steinzeit hätten sich tot gelacht über unsere Ratespiele. Für sie war es überlebenswichtig, Fährten richtig lesen zu können.
Macht nichts. Ist auch so schön. Wir schauen zum Himmel empor, wo Schäfchenwolken weiße Flecken ins Blau tupfen. Die Häupter der Tannen und Lärchen tragen weiße Pudelmützen aus Schnee. Wie die weiße Pracht doch alles verändert! Sie rundet die scharfen Ecken und Kanten ab, zeichnet die Landschaft weich. Auch die Farben wirken anders, milder. Außerdem ist es so still, als ob jemand ein Daunenbett über uns geworfen hätte. Der Schnee schluckt alle Geräusche. Obwohl wir uns bewegen, bleibt der Puls relativ niedrig. Wir nehmen uns Zeit zum Fotografieren. Zum Staunen. Zum Reden. Zeichnen mit den Spitzen unserer Teleskopstöcke Muster in das frische Weiß, fühlen uns ein bisschen wie Künstler.
An einem Heuschober machen wir Pause. Die jetzt schon kräftigere Sonne lässt den Schnee auf dem Dach schmelzen. Tropfen fallen auf unsere Rucksäcke, während wir den Deckel der Thermoskanne aufschrauben und der Duft dampfenden Tees in unsere Nasen steigt. Nebenan gurgelt unter dem weißen Kleid der Natur irgendwo ein Bach. Er wird erst im späten Frühjahr wieder seinen Auftritt haben. Die Geräusche erinnern an heiße Quellen in Japan, an Onzen-Bäder. Wir meditieren, ohne es zu merken. Entschleunigen. Trödeln. Lernen, dass man die Natur auch ohne Adrenalin-Kick genießen kann. Ohne Leistungsdruck. Ohne Geschwindigkeitsrausch. Wer Natur bewusst erfahren will, muss sich wohl genauso bewusst einbremsen.
Wir merken auch: Das Gehtempo bestimmt, was wir sehen und was nicht. Nur wenn wir langsam marschieren, nehmen wir die kleinen Dinge wahr: Flechten an den Wetterseiten der Bäume zum Beispiel, die wie Bärte im Wind flattern; den Geruch nach Harz, den Nadeln der Tannen; Vögel, die nach Futter suchen. Auf Alpinskiern, aber auch beim Langlaufen oder Schlittenfahren ist das viel schwieriger – zu schnell das Ganze.
Klaus Erber, den Vorsitzenden des 2004 gegründeten Deutschen Wanderinstituts, wundert es nicht, dass Winterwandern im Trend liegt. Die Deutschen seien nun mal für ihr Leben gern zu Fuß unterwegs. Jeder zweite Bundesbürger tue es mehr oder weniger regelmäßig. Das sei schon vor der Pandemie so gewesen. „Die Wege sind voll, alle wollen raus, auch die jungen Leute“, sagt Erber. Allerdings macht der Experte, dessen Institut Wege zertifiziert, also als eine Art TÜV fungiert, auf einen wichtigen Punkt aufmerksam: Wandern sei nicht gleich Bergwandern. Das würden die „Südstaatler“, also Bayern, Badener und Württemberger, gern mal vergessen. Der Großteil der Deutschen wandere in der Ebene, in den Mittelgebirgen, aber nicht unbedingt in den Alpen. Und dort würden eben andere Gesetze gelten, vor allem im Winter, so der Diplom-Geograf.
Soll heißen: Es ist keine schlechte Idee, sich an die von den Tourismusverbänden offiziell ausgewiesenen Winterwanderwege zu halten. Erstens werden diese geräumt, was wichtig ist, weil man ohne Schneeschuhe nach Neuschneefällen hoffnungslos versinken würde. Zweitens werden diese nur freigegeben, wenn keine Lawinengefahr droht. Drittens sind sie markiert und ausgeschildert, so dass man sich nicht verläuft und auch nicht ständig auf eine Karte oder eine App schauen muss. Und viertens stört man auf offiziellen Wegen die Fauna nicht, die besonders im Winter ihre Ruhe braucht, um nicht bei der Flucht vor Wanderern zu viel Energie zu vergeuden. „Wo es gute Wege gibt, bleiben die Leute auch auf diesen“, findet Erber.
Ansonsten gelte das, was auch im Sommer der gesunde Menschenverstand rät: den Wetterbericht checken, sich nach dem Zwiebelprinzip einkleiden, an Mütze, Handschuhe und Sonnencreme denken, heiße Getränke und Brotzeit in den Rucksack packen, sofern keine bewirtschafteten Hütten auf der Strecke liegen, eventuell auch Wechselwäsche nach steilen Anstiegen, bei denen man ins Schwitzen kommt. Noch wichtiger als im Sommer sind Teleskopstöcke, weil so ein geräumter Winterweg mit hart gepresstem Schnee ganz schön rutschig sein kann. Das gilt vor allem für Routen mit stetem Auf und Ab. Grödeln, die man sich unter die Sohlen schnallt, leisten hier gute Dienste. Deren Zacken funktionieren wie kleine Steigeisen und verhindern unfreiwillige Rutschpartien.
Diese Regionen der Alpen eignen sich besonders für Winterwanderungen, oder halten spezielle Angebote parat:
Kartitsch
Bei den Pionieren
Das Bergsteigerdorf Kartitsch stand vor einigen Jahren vor der Wahl: die veralteten Liftanlagen erneuern – und am Ende mit den großen Skigebieten doch nicht mithalten können. Oder etwas ganz Neues wagen. Die 800-Seelen-Gemeinde im Gailtal entschied sich für die zweite Option und wurde 2018 zum ersten zertifizierten Winterwanderdorf Osttirols mit neun bestens präparierten Routen unterschiedlicher Länge und Schwierigkeit und mehr als 20 zertifizierten Unterkünften. Es gibt sogar geführte Touren und kostenlose Mobilität mit den Öffis. Initiator und Leiter des Projekts ist Bernhard Pichler. Sein Team stellte die Kriterien für die Herbergen auf, die Wege wurden alle nach dem Tiroler Bergwegegütesiegel zertifiziert. Will ein anderes Dorf dieses Siegel ebenfalls erhalten, muss es seine Unterlagen bei Pichler einreichen.
Der Tourismusexperte findet, dass Winterwandern nicht nur Spaß macht, sondern auch herrlich demokratisch ist, weil alle mitmachen können: „Wir bewegen uns gefahrlos im Schnee ganz ohne teure Ausrüstung. Und man braucht keine Vorkenntnisse.“ Topografisch sei Kartitsch für das „weiße“ Wandern dank seiner Höhenlage zwischen 1.356 und 1.535 Metern prädestiniert. „Das garantiert Schneesicherheit. Und tolle Blicke auf die Lienzer Dolomiten und die Karnischen Alpen gibt es gratis dazu.“
www.osttirol.com/entdecken-und-erleben/winter/winterwandern/winterwanderdorf-kartitsch
Seiser Alm
Ein Hoch auf das Hochplateau
Lage, Lage, Lage. Die erste Regel beim Immobilienkauf gilt auch beim Winterwandern: In Zeiten des Klimawandels garantiert nur die Beletage tief verschneite Landschaften. Und deshalb ist die Seiser Alm, das größte Hochplateau der Alpen, wie geschaffen für einen Wanderurlaub im Schnee. Selbst in Wintern, in denen es Frau Holle nicht so gut meint, ist es hier oben zwischen 1.800 und 2.000 Metern flächendeckend weiß. 60 Kilometer an gespurten Wegen wollen entdeckt werden. Eine der schönsten Touren führt von Saltria zum Zallinger. Wer in der warmen Stube der Traditionsherberge unterhalb des Plattkofels einkehrt, sollte etwas Zeit mitbringen. Einen „schnellen Espresso“ lässt Chefin Luisa nicht gelten. Wenn sie etwas Zeit hat, setzt sie sich zu ihren Gästen und gießt eine funkelnde Flüssigkeit in kleine Gläser, die verdächtig nach Zirbenschnaps aussieht. Jeglichen Protest erstickt sie im Keim. Aber sei’s drum: „Raufkommen zum Runterkommen“ lautet das Motto der Seiser Alm.
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