Neuer Winter?

Auf Spurensuche in und um Innsbruck

Der Wandel ist spür- und sichtbar: Immer häufiger bleibt der Schneefall im Alpenraum über Wochen aus. Grüne Wiesen und höhere Temperaturen bestimmen dann das Bild im Tal. Weiter oben schießen neue Speicherseen und modernste Beschneiungssysteme aus dem Boden. Glaubt man Klimaprognosen und Simulationen, ist allerdings mit einer weiteren Zuspitzung zu rechnen. Wie können Tourismusregionen so weiter bestehen?

Mancherorts ächzt der Wintersport in den Alpen bereits unter den Bedingungen. Besonders in tieferen Lagen. Mit immer neuen Investitionen aber, soll der Betrieb wirtschaftlich ökologisch am Laufen gehalten werden. Keine einfache Aufgabe, bei immer steigenden Ressourcenkosten. Doch ist das Ende wirklich schon in Sicht? Wie bereitet man sich im Alpenraum auf die Erwärmung vor? Und wie genau wirkt sich der Klimawandel auf den Tourismus aus? In der Wintersportmetropole Innsbuck suche ich Antworten und finde vor allem eines: Entwarnung! Ganz so einfach ist es aber dann doch nicht.

Wir reisen. So oder so!

Meine Reise durch Tirol und seine Landeshauptstadt beginne ich – in Deutschland. Denn um zu verstehen, was auf die Alpen zukommt, muss zunächst der Tourismus verstanden werden. In München treffe ich auf Prof. Dr. Jürgen Schmude. Er ist Tourismusforscher und wissenschaftlicher Leiter des Bayrischen Zentrums für Tourismus (BZT). Seit 2019 forscht er hier zum Verhalten von Touristen, beispielsweise in Gefahrensituationen wie der Corona-Pandemie. Entgegen seiner Erwartungen und Hoffnungen, habe sich das Reiseverhalten der Menschen aber nach der Pandemie schnell wieder normalisiert. „Die Tourismusbranche irrte sich hierbei auf internationaler Ebene. Von Corona ist nichts übriggeblieben. Wir reisen ganz genau so wie vor der Pandemie.“ 

Schuld daran habe nicht zuletzt die Tourismuswirtschaft, die alle Hebel in Bewegung setzte, um den Normalbetrieb wieder aufzunehmen. Gut fürs Geschäft. Schlecht fürs Klima. Denn hört man nicht überall, dass weniger Reisen besser fürs Klima und damit auch besser für unseren schwindenden Winter sei? Das Gute: Wir Menschen passen uns schnell an. Eine Eigenschaft, die sich in Zeiten des Wandels noch bezahlt machen könnte. 


Prof. Dr. Schmude beschreibt das Reisen weiter als Konsumgut – ganz bewusst. „Auf der Rangliste unserer Konsumgewohnheiten steht über dem Reisen nur noch die Ernährung. Selbst das Auto schafft es hier nur auf Platz acht.“ Reisen ist uns also wichtig, Pandemie (oder Klimawandel) hin oder her. Da tut es auch fast nichts zur Sache, dass Reisen immer teurer wird, denn dann wird ganz einfach bei anderen Dingen gespart. 


Auf der Seite der Gastgeber allerdings sieht der Tourismusforscher Handlungsbedarf. „Sicherlich haben die Skigebiete lange nicht wahrhaben wollen, was ihnen die Wissenschaft da prognostiziert. Mittlerweile ist unsere Message aber angekommen.“ So hat das BZT für verschiedene Regionen mögliche Szenarien entworfen – was dort großes Interesse weckte. Mittlerweile möchte man nämlich sehr genau wissen, was da auf einen zukomme, so Schmude – um sich entsprechend vorzubereiten. Aber was genau kommt denn da auf uns zu?

Zwei Radler für einen Skifahrer?

„Langfristig, also bis 2050, werden wir in Bayern nur noch zwei oder drei Skigebiete haben. Das wars!“ Anpassen müsse man sich also, was bleibe einem auch anderes übrig? Größtes Problem dabei: Es gibt nicht die eine Lösung für alle. Skigebiete seien extrem individuelle, vielfältige Gesamtkonzepte. Und so müsse jede Region ihren eigenen Weg finden. Häufig führe dieser Weg zu einer besseren Nutzung der Nebensaisons. Teilweise werde aber auch versucht, mit technischen Lösungen den Skibetrieb aufrecht zu erhalten. In höheren Lagen klingt das für mich sinnig. In Talnähe dagegen, kommt mir das vor, als würde man mit Schneekanonen gegen die Klima-Windmühle kämpfen. Zudem sind Wintersportler äußerst umsatzstarke Gäste. So errechnete das BZT, dass man einen Skifahrer mit zwei Radfahrern ersetzen müsste, um einen wirtschaftlichen Ausgleich zu erzielen. Hier klingeln andere Alarmglocken. Stichwort: Overtourism.


Keine gute Prognose für Bayern?

Für einen funktionieren Tourismus und Wintersport braucht man also vor allem eines: Touristen! Und während das Klima sich ändert und Skigebiete neue Konzepte entwickeln, denken Touristen einfach um. „Der Klimawandel ist ein schleichender Prozess. Nichtsdestotrotz rechnet man mit heftigen Auswirkungen. Die deutsche Bevölkerung ist bei diesem Thema allerdings ein bisschen schizophren: Zuhause sind wir wesentlich nachhaltiger als im Urlaub.“ Dennoch aber sei uns ein umweltfreundlicher Winterurlaub wichtig – zumindest teilweise. 


Hier sieht Schmude verschiedene Verhaltenstypen: Für manche Reisende sei Wintersport nach wie vor „business as usal“. Gedanken über Umwelt oder Klima machen sich diese Touristen kaum. Schmude nennt aber auch Time-Switcher. Wintersportler also, die eben nur noch dann auf die Piste gehen, wenn die Schneelage es zulässt. Anders als die Destination-Switcher. Sie nehmen auch einmal längere Strecken in Kauf, um in höheren Regionen Schnee zu finden. Bedenkt man, dass 60-80 % des ökologischen Fußabdrucks eines Skitages bei der An- und Abreise entstehen, sind das keine guten Voraussetzungen für einen nachhaltigen Skitourismus. Leider. 


Zudem wird Skifahren immer teurer. Schmude spricht sogar von einer sozialen Auslese, die damit einhergehe: „Zunehmend können sich nur noch bestimmte Personengruppen das Skifahren leisten. Wintersport ist damit sicherlich eines der Produkte, das am stärksten die soziale Auslese fördert.“ Die Gruppe, die sich aus finanziellen Gründen das Skifahren nicht mehr leisten kann wird wachsen, ist sich der Tourismusforscher sicher. 


Schmude ist selbst Wintersportler und weiß sehr wohl um die Bedeutung des Wintersports für die jeweiligen Regionen. Nicht zuletzt aus gesundheitlichen Gründen sei es doch erstrebenswert, den Skitourismus zu erhalten, denn wann sei man schon einen ganzen Wintertag draußen an der frischen Luft? Und auch die technische Beschneiung habe sich weiterentwickelt. Stromverbrauch und Wassernutzung stellen demnach nur noch untergeordnete Probleme dar. 

Innsbrucks neuer Winter

Innsbruck erwartet mich mit 13 Skigebieten rund um die Landeshauptstadt. Keine 600 Meter hoch ist die Alpenmetropole gelegen. Doch der erste Schnee ist bereits gefallen und so steh ich an der Ampel unter der Triumphpforte auch mal neben Wintersportlern, die ihre Bretter bereits geschultert haben. Mit den Öffentlichen Verkehrsmitteln nachhaltig ins Skigebiet? Kein Problem! Der Bus ist in wenigen Minuten am Patscherkofel. Dank der schönen Stubaitalbahn ist auch das Stubai Skigebiet schnell erreicht. Das junge und hippe Innsbruck: Viele Bewohner besitzen nicht mal mehr ein eigenes Auto. Und für den Stadtverkehr ist das Rad ohnehin besser geeignet. Klimawandel hin oder her.


Der Patscherkofel ist das Familien-Naherholungsgebiet der Stadt. Das ganze Jahr über! Auf fast 2.000 Meter liegt die Bergstation der Patscherkofelbahn. Darüber finden nur noch Winter- und Schneeschuhwanderer sowie Tourengeher einen Weg zu Gipfel. Von den 18 Pistenkilometern des Patscherkofels kann man einen beeindruckenden Blick auf die Dächer der Stadt werfen. Adrian Eggers Blick schweift dagegen lieber in die Zukunft. Der Geschäftsführer der Patscherkofelbahn sieht von dort nämlich keine unlösbaren Aufgaben auf Innsbrucks Hausberg zukommen. 


„Seit sechs Jahren bin ich nun Geschäftsführer am Patscherkofel und ich kann sagen, dass es ohne technische Beschneiung nicht funktioniert. Das liegt daran, dass der Patscherkofel ein sehr exponierter Berg ist.“ Die vielen Nordhänge wirken sich zwar positiv aus, allerdings wird der Berg häufig auch von warmen Föhnstürmen getroffen, berichtet Egger. Dadurch könne manchmal selbst bei extremen Minusgraden nicht beschneit werden, da der Wind den produzierten Schnee sofort davontragen würde. Dieses Naturphänomen tritt meistens im November und Dezember auf. Eine Zeit, in der sich die Skigebiete bestenfalls intensiv auf die Saison vorbereiten. 


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